Abteilung “aus einem Kommentar wird dann doch lieber ein eigener Blogpost”. Heute fand ich in meiner Twitter-TL http://regenbogenmaschine.wordpress.com/2013/03/25/was-isn-eigentlich-dieses-klassismus/ vor, einen Text über “Klassismus”, in welchem unter anderem über die “schwer zugängliche Sprache” und die “Privilegiertheit” der Autor*innen solcher Texte gesprochen wird.
Zum Thema “Verständlichkeit” möchte ich gern versuchen, die andere Seite dieser als “klassistisch” bezeichneten Mauer zu beleuchten, die hier anscheinend errichtet wird. Nicht nur als spezielle Kritik an diesem Text da – sondern weil ich so etwas mittlerweile sehr oft lese und mitbekomme und mich dann doch mal bemüßigt fühl, was dazu zu sagen.
Nehmen wir also mal an, es gibt Gemüter, die sich allein an Fremdwortwahl und “akademischen Geseiere” schon so sehr stören, dass ihr Interesse nicht mehr ausreicht, um z.B. einfach mal bei der Autorin oder anderen Lesern nachzufragen: “Gibt’s das hier auch in einfacher? Erklärt mir das bitte wer?”, sondern in dem Bedürfnis, es erklärt zu bekommen direkt auch immer schon die Ablehnung mitschwingt: “Die da *kann* nix gescheites geschrieben haben, weil *ich* es nun mal nicht auf Anhieb versteh.” Der Inhalt wird also bereits anhand der Form schlechtgemacht.
Warum genau soll sich da jemand schon beim Schreiben die Mühe machen, einem solchen mit verschränkten Armen vorgetragenem Bedürfnis nach mehr Verständlichkeit vorauseilend entgegenzukommen?
Das Schimpfen auf wie auch immer geartete Ausdrucksweisen kann ein bequemer Weg sein, sich selbst von vielleicht als zu schwierig wahrgenommenen Debatten (am Ende auch noch mit als schwierig geltenden Personen, iihbäh!) auszuschließen — und diesen Ausschluss dann selbstverständlich den mal eben (ohne nähere Kenntnis der jeweiligen Person) als ‘privilegiert’ bezeichneten Autorinnen unterzujubeln. Und die ‘freut’ sich dann über solche blödsinnigen Urteile dann auch immer sehr, fragt z.B. mal die @sanczny: http://sanczny.wordpress.com/2013/03/12/dear-mr-capitalist/
Ich selbst drücke mich übrigens äußerst gern verständlich aus und weiß leicht zugängliche Texte und Reden sehr zu schätzen. Aber ich sehe es ganz sicher nicht als mein Recht an, alles so serviert zu bekommen wie *ich* das am liebsten hab, oder dass andere zu *mir* kommen, mich nach *meinen* Interessen fragen und *mir* diese bequem hinterhertragen. Wenn ich mich wirklich ernsthaft verbinden und austauschen will, dann erwarte ich nicht, ‘abgeholt’ zu werden, dann gehe ich verflixt noch eins auf die Leut zu, die mich interessieren! Und auch wenn’s so läuft, dass ich erst mal alles, was ich so an Gedanken mitbringe dort um die Ohren gehaun bekomme, weil’s nun mal möglicherweise falsch oder schief argumentiert ist, dann bleib ich trotzdem dran, wenn mich die Argumente im größeren Maße überzeugen als mich der Ton und die Art vielleicht abstoßen. Ich muss die Leute, von denen ich was lernen und mit denen ich vielleicht was bewegen will, ja nicht liebhaben! Das ist zwar sehr schön, wenn’s so ist, aber keine Notwendigkeit.
Also: Wer Verständlichkeit einfordert, wer immer alles in mundgerechten, leicht verdaulichen Happen serviert bekommen möchte statt sich mal selber an den Herd zu stellen und zu gucken, was aus den mitunter schwerverdaulichen Zutaten halt gemacht werden kann (gern auch mit Hilfe anderer, wenn er sie fragt!) der wird wohl immer bei Fastfood der Marke “FrissDas!(tm)” bleiben müssen. Unabhängig von der persönlichen Übung und Erfahrung darin: Der bloße *Wille* erst einmal, den eigenen Grips zu benutzen und zu schärfen, Texte zu entschlüsseln (und mitunter sind’s ja auch die leicht zu lesenden die den schlimmsten Scheiß enthalten), das Geschwurbel von Handfestem zu unterscheiden hat eben *nix* zwangsläufig damit zu tun, ob wer eine Uni von innen gesehen hat oder nicht. Ich kenn zu viele sich saudumm äußernde Akademiker und blitzgescheit argumentierende Nichtakademikerinnen, um was anderes zu glauben.
(Übrigens: Auf einige mag es vielleicht so wirken, als habe ich hier eine komplette Kehrtwende zu dem vollzogen, was ich in meinem allerersten Blogpost so schrieb. Ist aber bei weitem nicht so. Erstens ging es in diesem Text um den Wunsch nach mehr präziser Kritik statt Lagerzuschreibungen und -anfeindungen, und in den Kommentaren damals hatte Helga maßgeblich dazu beigetragen, dass meine sich auch zu diesem Thema recht enge und naive Sicht ein Stück erweitert wurde.)