Kommentar zu Matussek

[[Hier etwas ausgefeilter, aber sicher auch nicht perfekt. Im Kommentar auf der Seite da ( http://www.welt.de/debatte/kommentare/article124792188/Ich-bin-wohl-homophob-Und-das-ist-auch-gut-so.html ) bin ich dooferweise erst mal auf den Pantoffeltierchen-Blödsinn eingestiegen, was Unsinn ist. EDIT: Hat sich erledigt, Kommentare wurden geschlossen und meiner nich freigeschaltet.]]

“Ich lasse mir meine Gedankenfreiheit nicht nehmen” — Herr Matussek, weder Ihnen sonst irgendwem wird der Mund verboten. Die Tatsache, dass möglicherweise lautstark kritisiert wird, was sie sagen, besonders wenn es selten dämliches Zeug ist, hat nichts mit dem Entzug von Gedanken- oder Redefreiheit zu tun. Kritik ist das Gegenteil von Zensur. Sollten Sie bei dem was Sie so machen eigentlich wissen.
Anscheinend hindert sie das aber nicht daran, das billige “das wird man doch wohl noch sagen dürfen” aus der Mottenkiste rhetorischer Tricks hervorzukramen und als ein Argument dafür zu präsentieren, dass das, was man da “noch sagen darf”, auch sofort Hand und Fuß hat.

Dass es Homosexualität in der Natur beileibe nicht nur im Bereich der Pantoffeltierchen sondern auch und vor allem bei Säugetieren und Primaten gibt – geschenkt, denn es bedarf keiner unsinnigen Vergleiche mit dem Tierreich, um menschliches Handeln zu beurteilen, weil der ganze blöde Anspruch auf ‘Natürlichkeit’ schon ein frei erfundener wie falscher ist. Wenn es Ihnen gelingen sollte, ‘natürlich’ zu definieren als ‘etwas laufen lassen wie es läuft’ (was ja sehr akzeptierend wäre gegenüber allem Leben), und dafür nicht Ihre offensichtliche Vorstellung von ‘natürlich’ (nämlich: gottgewollt bzw. so wie ich das will’) heranzögen, wäre einiges für Ihren Horizont gewonnen.

Und dass jemand, der alles homosexuelle ‘verbindlich’ abzuwerten versucht (also über die Frage, ob das was für die eigene Person wäre, hinausgehend), ein deutliches politisches Interesse hat, dieses möglichst einzuschränken (was mittels Pathologisierungen am besten geht, weil dann geht das noch über die schön christlich-mitfühlende Schiene), liegt auf der Hand.
Am Ende noch ein hübscher Zirkelschluss: Dass ‘die homosexuelle Liebe defizitär weil kinderlos bleibt’, hat zur Vorbedingung, dass die aufzuziehenden Kinder die selbst gezeugten / geborenen sein müssen (und dass Kinder überhaupt Bedingung für die ‘wahre’ Liebe sind) Dass bedeutet dann wiederum, dass es homosexuellen Menschen verboten bleiben muss, Kinder großzuziehen, denn wo kämen wir da hin wenn alle Beziehungen die nicht in ihr Ideal passen auf diesem Wege gar doch weniger ‘defizitär’ würden!

Sie merken es hoffentlich irgendwann selbst, Herr Matussek – ihre Argumentationen entspringen keiner zwingenden Logik, keinem ‘neutral’ beurteiltem Sachverhalt. Es ist ihr eindeutiges *Interesse*, homosexuelles Leben abzuwerten. Ihre offensichtlich ‘ironische’ Form der Selbstbezichtigung offenbart so tatsächlich alles, was über ihre Haltung diesbezüglich zu wissen ist.

[[Edit: Noch bißchen rumgerückt und gelöscht.]]

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Warum ich zur Zeit selten was retweete

Heute morgen las ich einen Retweet mit dem Inhalt, dass auf Twitter faven ohne RT so viel bedeutete wie “Ich find das gut was du machst aber ich möchte nicht, dass du damit Erfolg hast”.

Ich erwiderte darauf hin so viel wie “Wenn ich in meiner sprunghaften* TL etwas RTe laufe ich Gefahr, ein ‘Ich möchte User xyz nicht in meiner TL’ zu lesen zu bekommen.”

(*im Original nannte ich es ‘volatile’, weil Englisch.)

Daraufhin wurde ich gefragt, ob ich möchte, dass mir nur “coole Leute” folgen während ich in deren Augen “uncoole Leute” promoten kann. Und kurz darauf noch über die Verwendung von “volatile”: Ob die Leute in meiner TL alle nur wankelmütig seien und keinen Grund für ihre Meinung hätten.

Die Antwort im Rahmen dieses Blogposts richtet sich nicht in erster Linie an die Person, die mich das gefragt hat. Das hier soll auch keine Rechtfertigung und keine Anklage oder sonst was sein. Es ist einfach nur ‘ne Erklärung meines derzeitigen Verhaltens auf Twitter, für die, die es interessiert.

Nein, es geht mir nicht um „coole“ oder „uncoole“ Leute. Es geht mir um vergangene und laufende Streits oder kalten Krieg zwischen Leuten deren Ansichten und Empfindungen mir mittlerweile allesamt wichtig sind, und die im Ende in meinen Augen dasselbe wollen, aber unterschiedliche Ideen darüber haben, welche Bedingungen dafür die „eigentlich wesentlichen“ sind. Oder die sich gegenseitig meiner Wahrnehmung nach permanent darin missverstehen, welche angeblich alleingültigen Zusammenhänge die jeweils anderen behaupten oder nicht.

Und solche Streits können, so wie ich es empfinde, für die jeweils Beteiligten zerstörerischer oder einfach nur zeit- und energieraubender sein als jede Auseinandersetzung mit ‚echten‘ politischen GegnerInnen. Das führt nach gegenseitigen Verletzungen zu gegenseitigen Entfolgungen und zu gegenseitigen Erklärungen dass die jeweils anderen unmöglich sind und bitte nicht in die eigene TL sollen. Von da aus wird dann übergegangen zu Mutes und Blocks und was es noch alles geben mag.

Und da ich für mich keinen Weg sehe, so etwas auf Twitter zu lösen, lasse ich es auch nicht darauf ankommen, selber Diskussionen oder Listen darüber anzufangen zu müssen wer für wen als Person okay ist oder nicht, und wen ich RTen darf und wen nicht. Gleichzeitig lege ich eben auch keinen Wert darauf, von irgendwem entfolgt zu werden.

Ich hab eine längere Twitterpause gebraucht um dann nach meiner Rückkehr bislang diese Haltung einzunehmen. Vielleicht bin ich da auch einfach etwas sehr zartbesaitet oder mach es mir zu kompliziert. Wenn jemand da Tipps hat, gerne.

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Kritik anbringen und Verständnis für falsche Gedanken

Es geht mal wieder im weitesten Sinn um Diskussionskultur, wie meist, wenn ich alle Jubelzeiten mal was hier schreibe.
Anlass war unter anderem ein kleiner Austausch vor einer ganzen Weile mit @ifa_wartburg, wo auch zwischendurch kurz gefragt wurde, welchen Nutzen es denn haben soll, Verständnis gegenüber falschen Ansichten zu entwickeln und zu bekunden.

Das mag nun ein wenig trivial klingen, aber: Ich versuche bei Debatten möglichst, den Standpunkt meines Gegenübers in dessen Gedankengang zu verstehen. Auch wenn er mir erst mal grundfalsch erscheint und danach immer noch: Ich möchte gern eine Idee davon haben, wie eins zu dem Zeug gekommen ist, was ich da kritisieren will. Das hilft mir nämlich nicht nur, künftig selber ähnliche Denkfehler dieser Art zu vermeiden sondern sie auch schneller zu erkennen, wenn jemand anderes sie macht. So entsteht dann auch weit mehr als nur ein “Katalog zur Behandlung gängiger Einwände” zu den konkreten Themen und Positionen, die *mich* beschäftigen, sondern darüber hinaus auch eine Vorstellung davon, welche Arten von Fehlern die Leute in Diskussion und Gedanken zu allen möglichen Themen immer wieder zu machen scheinen. Klappt also themenübergreifend.

Diese Art ‘Verständnis’ hat aber nicht das geringste damit zu tun, dass mir ein übler Fehler dann egal wäre oder ich einen falschen Standpunkt in einer Debatte trotz besseren Wissens abnicken würde. Im Gegenteil: Umso treffsicherer fällt nämlich dann im besten Fall die Kritik an dem Gesagten aus, und die Art und Weise, wie sie eingeleitet, rübergebracht und abgeschlossen wird.

Es hilft mir bei der Vermittlung eines Arguments erfahrungsgemäß, das Gegenüber wissen zu lassen, dass ich ihren Gedankengang inhaltlich (also eben NICHT nur in Form einer ritualisiert vorausgeschobenen ‘ich verstehe dich’-Floskel!) nachvollziehen kann, auch wenn ich ihn anschließend ab einem bestimmten Punkt als falsch kritisieren möchte – das bekundet nämlich auch auf einer dieser berühmten ‘anderen’ Ebenen der Kommunikation (es gibt tatsächlich nicht nur die des theoretischen Rechthabens) ein zumindest grundlegendes Interesse an einer möglichst nicht von Beleidigungen und Verletzungen geprägten Gesprächsbeziehung zu meinem Gegenüber – und die ist Voraussetzung dafür, dass ich überhaupt irgendetwas vermitteln kann. Wenn ich darauf scheiße, scheiße ich auch auf meine richtigen Argumente, zumindest insofern es um deren Verbreitung geht und nicht nur um meine Gewissheit, ganz sicher ganz recht damit zu haben.

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Verständlichkeitsforderungen und Selbstausschlüsse

Abteilung “aus einem Kommentar wird dann doch lieber ein eigener Blogpost”. Heute fand ich in meiner Twitter-TL http://regenbogenmaschine.wordpress.com/2013/03/25/was-isn-eigentlich-dieses-klassismus/ vor, einen Text über “Klassismus”, in welchem unter anderem über die “schwer zugängliche Sprache” und die “Privilegiertheit” der Autor*innen solcher Texte gesprochen wird.

Zum Thema “Verständlichkeit” möchte ich gern versuchen, die andere Seite dieser als “klassistisch” bezeichneten Mauer zu beleuchten, die hier anscheinend errichtet wird. Nicht nur als spezielle Kritik an diesem Text da – sondern weil ich so etwas mittlerweile sehr oft lese und mitbekomme und mich dann doch mal bemüßigt fühl, was dazu zu sagen.

Nehmen wir also mal an, es gibt Gemüter, die sich allein an Fremdwortwahl und “akademischen Geseiere” schon so sehr stören, dass ihr Interesse nicht mehr ausreicht, um z.B. einfach mal bei der Autorin oder anderen Lesern nachzufragen: “Gibt’s das hier auch in einfacher? Erklärt mir das bitte wer?”, sondern in dem Bedürfnis, es erklärt zu bekommen direkt auch immer schon die Ablehnung mitschwingt: “Die da *kann* nix gescheites geschrieben haben, weil *ich* es nun mal nicht auf Anhieb versteh.” Der Inhalt wird also bereits anhand der Form schlechtgemacht.

Warum genau soll sich da jemand schon beim Schreiben die Mühe machen, einem solchen mit verschränkten Armen vorgetragenem Bedürfnis nach mehr Verständlichkeit vorauseilend entgegenzukommen?
Das Schimpfen auf wie auch immer geartete Ausdrucksweisen kann ein bequemer Weg sein, sich selbst von vielleicht als zu schwierig wahrgenommenen Debatten (am Ende auch noch mit als schwierig geltenden Personen, iihbäh!) auszuschließen — und diesen Ausschluss dann selbstverständlich den mal eben (ohne nähere Kenntnis der jeweiligen Person) als ‘privilegiert’ bezeichneten Autorinnen unterzujubeln. Und die ‘freut’ sich dann über solche blödsinnigen Urteile dann auch immer sehr, fragt z.B. mal die @sanczny: http://sanczny.wordpress.com/2013/03/12/dear-mr-capitalist/

Ich selbst drücke mich übrigens äußerst gern verständlich aus und weiß leicht zugängliche Texte und Reden sehr zu schätzen. Aber ich sehe es ganz sicher nicht als mein Recht an, alles so serviert zu bekommen wie *ich* das am liebsten hab, oder dass andere zu *mir* kommen, mich nach *meinen* Interessen fragen und *mir* diese bequem hinterhertragen. Wenn ich mich wirklich ernsthaft verbinden und austauschen will, dann erwarte ich nicht, ‘abgeholt’ zu werden, dann gehe ich verflixt noch eins auf die Leut zu, die mich interessieren! Und auch wenn’s so läuft, dass ich erst mal alles, was ich so an Gedanken mitbringe dort um die Ohren gehaun bekomme, weil’s nun mal möglicherweise falsch oder schief argumentiert ist, dann bleib ich trotzdem dran, wenn mich die Argumente im größeren Maße überzeugen als mich der Ton und die Art vielleicht abstoßen. Ich muss die Leute, von denen ich was lernen und mit denen ich vielleicht was bewegen will, ja nicht liebhaben! Das ist zwar sehr schön, wenn’s so ist, aber keine Notwendigkeit.

Also: Wer Verständlichkeit einfordert, wer immer alles in mundgerechten, leicht verdaulichen Happen serviert bekommen möchte statt sich mal selber an den Herd zu stellen und zu gucken, was aus den mitunter schwerverdaulichen Zutaten halt gemacht werden kann (gern auch mit Hilfe anderer, wenn er sie fragt!) der wird wohl immer bei Fastfood der Marke “FrissDas!(tm)” bleiben müssen. Unabhängig von der persönlichen Übung und Erfahrung darin: Der bloße *Wille* erst einmal, den eigenen Grips zu benutzen und zu schärfen, Texte zu entschlüsseln (und mitunter sind’s ja auch die leicht zu lesenden die den schlimmsten Scheiß enthalten), das Geschwurbel von Handfestem zu unterscheiden hat eben *nix* zwangsläufig damit zu tun, ob wer eine Uni von innen gesehen hat oder nicht. Ich kenn zu viele sich saudumm äußernde Akademiker und blitzgescheit argumentierende Nichtakademikerinnen, um was anderes zu glauben.

(Übrigens: Auf einige mag es vielleicht so wirken, als habe ich hier eine komplette Kehrtwende zu dem vollzogen, was ich in meinem allerersten Blogpost so schrieb. Ist aber bei weitem nicht so. Erstens ging es in diesem Text um den Wunsch nach mehr präziser Kritik statt Lagerzuschreibungen und -anfeindungen, und in den Kommentaren damals hatte Helga maßgeblich dazu beigetragen, dass meine sich auch zu diesem Thema recht enge und naive Sicht ein Stück erweitert wurde.)

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Lieber Abstreiten als gar kein Echo

[Um dem womöglich zu erwartenden Leistungsschutzrecht bereits heute entgegenzukommen verzichte ich hier auf Links und Namennennungen zu den Beiträgen der Online-Ausgabe einer Tageszeitung, auf welche ich mich hier beziehe. ^^]

Ich bin erst seit relativ kurzer Zeit ‘dabei’, vergebt mir also meine eventuelle Naivität in dieser Hinsicht. Das wird auch ein eher emotionaler kleiner Text jetzt. Kritik immer gerne (siehe aber Nachtrag unten).

Wir erleben meinem Eindruck nach im Moment auf gesellschaftlicher bzw. massenmedialer Ebene die erste Reaktion eines Menschen, dem gesagt wird, sein Verhalten und seine Äußerungen seien sexistisch. Nämlich: Abstreiten. Das sei alles gar nicht so gemeint, sei nicht so schlimm, es gäbe ja viel schlimmeres woanders, man sei doch kein Sexist (-> http://endolex.wordpress.com/2012/06/14/nichtsexisten-und-sexismuskritik-uber-absichten-absichtsvermutungen-und-entgleisungen/ ) und überhaupt, dann wehrt euch doch, begleitet von munterem Beifall aus den immer gleichen Ecken. Oft schon so erlebt, nur jetzt eben in größerem Maßstab.
Kein Grund für Ernüchterung oder Resignation, im Gegenteil. Wer abstreitet, macht zumindest annähernd so etwas wie zuhören statt zu ignorieren. Und das war und ist der erste Schritt eines Dialoges mit annähernd so etwas wie Erfolgsaussicht.

Das gilt eigentlich immer, aber jetzt, zu Zeiten des vielfach wahrgenommenen ‘Backlashes’ umso mehr: Jeder Kommentar, jeder Einwand zählt, wie ich glaube. Auf der Arbeit, in Kommentarspalten, auf der Straße, auf Twitter (auch innerhalb meiner Bubble gibt es Skeptiker). Und gerade im Fall von Journalist*innen, welche sich als stark und AufKeinenFallOpferSeinWollen geben möchten (oder bei weißen alten Männern, die den Sexismusbegriff von Banalisierung bedroht sehen), ist es vermutlich entscheidend, genügend Stimmen in Kommentaren sichtbar zu machen, welche zeigen, dass eine erhöhte Wehrhaftigkeit gegenüber sexistischen Äußerungen und Übergriffen nur eine Seite des ganzen sein kann. Dass es nicht ohne Kritik an dem übergriffigen Verhalten und folglich dessen Änderung geht.

Zum ersten Mal relativiere ich an der Stelle meine sonstigen ‘Prinzipien’ und würde sagen, dass eine umfassend und ‘sachlich’ dargelegte Argumentation (meist eh nach dem priviligerten Maßstab der “Überzeug mich doch mal logisch!”-Sager) zwar wünschenswert, die unbedingte Positionierung und Solidarisierung mit dem Kern von #aufschrei augenblicklich aber noch viel wesentlicher ist. Gerade damit die Wahrnehmung, die Kritik käme nur von vergleichsweise wenigen und nicht ernstzunehmenden Menschen, nicht haltbar ist.

Und ein Tipp noch gegen die Frustration: Es kommt zwar durchaus mal zwar vor, dass jemand in einer Diskussion (ob im Netz oder ‘live’) eine 180°-Wende vollzieht, was seine Positionierung zu Sexismus angeht – aber zu erwarten ist das sicher nicht. Nur: “Die Diskussion ist nicht zuende, auch wenn das Gespräch vorbei ist. Das Gesagte wirkt nach.” (K.P. Hufer, ‘Argumente am Stammtisch’).
Ich selbst fange z.B. in Kommentarspalten nach Möglichkeit gar keine Diskussionen mehr an. Ein Text, ein saftiger Kommentar. Fertig. Alles andere ist (wohl nicht nur) mir zu unübersichtlich. Echte Diskussionen finden für mich woanders statt. Es geht um Präsenz.

Nachtrag — Vor dem Kommentieren bitte bedenken: Ich werde hier nicht über Sinn oder Unsinn von #aufschrei debattieren oder darüber, was Sexismus ist. Bleibt am Inhalt dieses Textes hier. Danke. ;)

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Das Ende der ‘Spätis’, Foodsharing und Privatverkauf

[Achtung, Disclaimer: Arg stream of consciousness-lastiger Blogpost. Nix strukturiertes oder gar durchdachtes.]

Ich und meine groooße Klappe!

Heute ging nun die Nachricht, dass in Berlin die sogenannten “Spätis” sonntags nicht mehr verkaufen dürfen (bzw. dass der Versuch, die Sonntagsverkäufe zu legalisieren, eingestellt wird): http://www.berliner-zeitung.de/berlin/berliner-ladenoeffnungsgesetz-sonntags-bleibt-der-spaeti-geschlossen,10809148,17226218.html

Auf Twitter gab es (in meiner bescheidenen kleinen Timeline) entsprechend frustriertes Klagen, und ich als Nichtberliner Bonner, der den Komfort von Sonntagsläden ja gar nicht kennt (und entsprechend auch nicht vermissen wird) nahm mir heraus, ein paar vage Tweets zu Lebensmittelprivatverkaufsnetzwerken und ÜberflüssigeLebensMittelWegWerfVermeidungsNetzwerken abzulassen.

Der @plomplomplom las das und forderte mich auf, ich möge mir doch da ein paar konkretere Gedanken machen, worin ich zähneknirschend einwilligte. Glücklicherweise twitterte etwas später auch noch Katja Dathe von den Berliner Piraten:

Also schein ich wohl nicht der einzige mit diesen Ideen zu sein, welche ich hier mal kurz umreißen möchte.

Im Grunde sind es zwei voneinander vllt. eher unabhängig zu sehende Ideen, spontanem Hunger zu begegnen ohne auf Öffnungszeiten angewiesen zu sein, zumindest würde ich es so betrachten. Der mir eigentlich vielversprechendere Ansatz wäre das oben kurz per Tweet beschriebene “omnomnetz”, welches überflüssiges Essen schnell und direkt verteilen kann, statt es einzufrieren oder gar wegzuwerfen. Aber wie ich durch kurzes Googeln gerade sehe, gibt es ein Projekt namens foodsharing.de, welches das bereits hervorragend in Angriff nimmt, wie ich glaube! Meine Spende folgt umgehend.

Die andere, davon m.E. losgelöst zu betrachtende Idee, welche mehr in Richtung des Vorschlages von Katja geht, wäre eben eine stark lokalisierte und nach Vereinsprinzip funktionierendes Verkaufsnetzwerk von Lebensmittelwaren. Wie das genau funktionieren kann – da bin ich selbst gerade am Grübeln.
In Bonn gibt es ja z.B. den Partynotdienst alcoman.de, der auch bis zwei Uhr nachts allerlei zu Futtern ranbringt, wenn alle Läden (in Bonn) bereits zu haben, aber auch das hängt dann wieder von einem einzelnen Menschen ab, der bereit ist, sich für andere in den Verkehr zu schlagen. Privater Wohnungsverkauf? Auch dafür müsste man jemanden wachklingeln bzw. müsste der jeweilige Privatverkäufer der jeweiligen App melden, ob er grad ansprechbar ist oder nicht.
Bliebe höchstens noch eine Art Vereinshaus, in das Mitglieder jederzeit Zutritt haben, mit einer Kasse des Vertrauens. Nur: wer kauft im großen Stil ein, schafft es dann an einen bestimmten Ort, nur um dann später mal bei Bedarf was rüberholen zu können? Da wird das ganze dann schon wieder etwas absurd, in meiner Vorstellung – jedenfalls dann, wenn der Verein allein diesen Zweck haben soll.

Naja, das mir eigentlich auch wesentlich wichtiger erscheinende Anliegen “omnomnetz” ist jedenfalls mit foodsharing.de bereits am Start, und ich selbst brauch ja wie gesagt Spätis nicht unbedingt. Falls ihr das anders seht – macht euch halt selber Gedanken, ihr verwöhnten Hauptstadtkinder. ;)

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Biologismus, Sexuelle Orientierung und Gesellschaft

Heute morgen gab ich im Zuge einer Kommentardiskussion auf quantenwelts Beitrag zum gern Feminismen gegenüber verwendeten Strohmann “Gleichmacherei” folgendes via Twitter von mir:

“Einerseits soziale Effekte möglichst ausblenden und andererseits für soziale Fragen relevant sein wollen. Biologismus.”

Christian Schmidt (“Alles Evolution”), der dort ebenfalls kommentierte, bat mich darauf hin, mich doch mal zu äußern und zu argumentieren, wie ich die Entstehung von Geschlechtern oder sexueller Orientierung betrachte. Ich habe mich dann für das zweite, vermeintlich ‘leichte’ Thema entschieden.

Zuallererst noch ein riesenfetter Disclaimer:
Ich bin kein Sexologe, kein Biologe, kein Psychologe, kein Soziologe, kein Queerologe (?) sondern in jeder Hinsicht auf all diesen Gebieten kaum mehr als ein interessierter Laie. Der Post hier dient also nicht zur Behauptung irgendwelcher Tatsachen, sondern soll lediglich meinen momentanen Eindruck  einer Debatte wiedergeben, welche mich bereits in ihrer Grundlage befremdet. Also wird es eher philosophisch / essayistisch. Ich lehne mich hiermit also so weit vom Fenster weg und verkrieche mich in der Besenkammer, freue mich aber sehr über erhellende Kommentare.

Da ich den Text zunächst auf Twitlonger verfasst und an Christian persönlich gerichtet habe und ich zum weiteren Editieren ehrlich gesagt ein bißchen zu faul bin, belasse ich hiermit den Charakter eines “offenen Briefes”. Und los geht’s.

***

Es mag sich vielleicht zunächst so angehört haben, als hielte ich sexuelle Orientierung nicht für ähnlich konstruiert wie Gender, weil ich das trenne – dem ist aber nicht so. Für mich sind es lediglich verschiedene (wenngleich benachbarte) Konstrukte, die kombiniert werden können (“homosexueller Mann”, “heterosexuelle Frau”) aber nicht müssen.

Die Konstruktion besteht für mich in einer eindeutigen Zuordnung in ‘homosexuelle’ oder ‘heterosexuelle’ oder ‘bisexuelle’ Typen. Für mich aber gelten da allenfalls operative Definitionen von beobachtbarem Verhalten: Ein Mann, der größtenteils mit Männern schläft, verhält sich also größtenteils homosexuell.

Problematisch sind bei diesen Konstrukten auch die vielen Abstufungen: Was, wenn Männer oder Frauen kein Problem darin sehen, mit anderen Männern oder Frauen Zärtlichkeiten oder Küsse auszutauschen, von einem Beischlaf aber eher Abstand nehmen? Wie ist das dann einzuordnen?

Über eine ‘innere Orientierung’ und ihren biologischen oder sozialen Ursprung sind mir da bestenfalls Spekulationen möglich, und das kann aus meiner Sicht je nach Individuum sehr verschieden sein. Ich halte hier (als ziemlicher Laie) sowohl biologische als auch soziale Faktoren für potentiell sehr einflussreich – aber wie ich dir schon einmal schrieb: Für mich gibt es da keine klar markierte Front (“bis hierhin ist alles Biologie, danach fängt Soziales an”), sondern eine Gleichung mit jeweils verschieden gewichtbaren Faktoren und vor allem Überlappungen. Für mich ist also durchaus denkbar, dass jemand ganz ohne die angenommene biologische Disposition homosexuelles Verhalten zeigt und genießt als auch dass jemand *mit* dieser Disposition ausschließlich hetereosexuell unterwegs ist. Einen allgemeinverbindlichen Algorithmus wie “Biologische Homosexualität geteilt durch Soziale Akzeptanz mal Persönliches Bewusstsein = Operativer Homosexualitätsquotient” kann ich dir an dieser Stelle aber sicher nicht liefern.

Insgesamt ist mein Eindruck, dass gerade die Sexualität der Menschen kulturell und kognitiv derart stark überformt, codifiziert und diversifiziert ist, dass sowohl bei homo- als auch hetereosexuellen Verhalten kaum noch eine Aussage darüber möglich scheint, welches Verhalten nun “rein biologischen” Ursprungs ist (mal abgesehen von z.B. körperlichen Erregungszuständen, welche aber wiederum sehr stark an das gekoppelt sind, was als sexuell besonders erregend empfunden wird, angeborener- oder erworbenermaßen). Meine Haltung ist da auch eher eine pragmatische: Wenn’s Spaß macht, isses im Prinzip egal ob es jeweils nun eher ‘in den Genen liegt’ oder die Lust am Tun erworben wurde. Entsprechend gibt es für mich keine ‘Abweichung von der Natur’.

Was sich jedoch m.E. gut festhalten lässt, ist, dass verschiedene Gesellschaften verschiedene ‘öffentliche’ Einstellungen zu Homosexualität und -erotik haben, was sich entsprechend auf die Wahrnehmung und Häufung homosexueller ‘Performance’ auswirkt. Und ich bin recht überzeugt davon, dass durch ein Wegfallen klarer Verhaltensschubladen und Identitätsvorstellungen von ‘schwul’, ‘lesbisch’ und ‘bi’ das Sexualverhalten insgesamt etwas an Vielfalt gewinnen würde. Andererseits erwarte ich natürlich keineswegs, dass in so einem Fall alle Menschen 50:50 bisexuell unterwegs wären – sondern lediglich eine insgesamt entspanntere Einstellung zu dem Thema und entsprechend weniger Hemmungen, die bisher klar abgegrenzten Bereiche je nach Gelegenheit zu erschließen. Und vor allem: weniger Feindseligkeit oder gewaltsam geäußerte Angst gegenüber dem ‘perversen’ Verhalten anderer. Wie ich schon mal irgendwo in deinem Blog schrieb: Rein biologische Betrachtungen zu einem Sachverhalt können keinen moralischen Imperativ bilden, wie es grundsätzlich zu bewerten und damit umzugehen ist. Nur weil etwas angeboren ist, wird es nicht automatisch ‘akzeptabler’ – dann wird es im Zweifelsfall eben als Geburtsfehler betrachtet, was zu noch hässlicheren Reaktionen als “Heilungsversuchen” führen kann.

Mir fiel übrigens heute noch ein nettes Gedankenbeispiel zur Problematik des Biologismus in Gesellschaftsfragen ein:
Zweifellos lässt sich sagen (soweit mir bekannt), dass Pheromone, Hormone und einander ergänzende Immunsysteme einen gewissen Einfluss darauf haben können, wie sexuell attraktiv Menschen aufeinander wirken. Aber ist das allein ein zuverlässiger Indikator dafür, ob gemeinsame Beziehungen zwischen Menschen langfristig funktionieren? Ist davon auszugehen, dass die Mehrzahl aller glücklichen, langen Beziehungen von Menschen geführt wurden, die biochemisch besonders kompatibel waren (und es auch blieben – dass so etwas mit der Zeit ‘umkippen’ kann, ist ja anscheinend auch belegt)? Oder ist da nicht doch eher die durch das jeweilige soziale Umfeld geprägte Wahrnehmung voneinander, das kommunikative Verhalten miteinander und eine Menge anderer Faktoren entscheidend? Es sind einfach verschiedene Fragen, welche jedoch oft durcheinandergeworfen werden, wie ich finde. Und recht ähnlich sieht es für mich mit biologischen Geschlechtsmerkmalen und den Konstruktionen von “geschlechtergerechtem Verhalten” aus.

***

So, das war’s. Nu haut mich getrost in die Pfanne! Anmerkung noch: Der hauptsächliche Fokus des Textes ist für mich auf jeden Fall die grundsätzliche Frage, inwieweit Biologie gesellschaftliche Fragen auf relevante Weise beantworten kann. Falls ich jedoch im speziellen Blick auf sexuelle Orientierung nach euer Meinung grobes Unwissen und gefährliche Fehlurteile an den Tag lege, bitte ich sehr um Korrektur. Das wiederum soll kein Blankoscheck gegenüber homophoben Äußerungen sein – die werden von mir nicht freigeschaltet, auch nicht zu q.e.d.-Zwecken.

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