Verständlichkeitsforderungen und Selbstausschlüsse

Abteilung “aus einem Kommentar wird dann doch lieber ein eigener Blogpost”. Heute fand ich in meiner Twitter-TL http://regenbogenmaschine.wordpress.com/2013/03/25/was-isn-eigentlich-dieses-klassismus/ vor, einen Text über “Klassismus”, in welchem unter anderem über die “schwer zugängliche Sprache” und die “Privilegiertheit” der Autor*innen solcher Texte gesprochen wird.

Zum Thema “Verständlichkeit” möchte ich gern versuchen, die andere Seite dieser als “klassistisch” bezeichneten Mauer zu beleuchten, die hier anscheinend errichtet wird. Nicht nur als spezielle Kritik an diesem Text da – sondern weil ich so etwas mittlerweile sehr oft lese und mitbekomme und mich dann doch mal bemüßigt fühl, was dazu zu sagen.

Nehmen wir also mal an, es gibt Gemüter, die sich allein an Fremdwortwahl und “akademischen Geseiere” schon so sehr stören, dass ihr Interesse nicht mehr ausreicht, um z.B. einfach mal bei der Autorin oder anderen Lesern nachzufragen: “Gibt’s das hier auch in einfacher? Erklärt mir das bitte wer?”, sondern in dem Bedürfnis, es erklärt zu bekommen direkt auch immer schon die Ablehnung mitschwingt: “Die da *kann* nix gescheites geschrieben haben, weil *ich* es nun mal nicht auf Anhieb versteh.” Der Inhalt wird also bereits anhand der Form schlechtgemacht.

Warum genau soll sich da jemand schon beim Schreiben die Mühe machen, einem solchen mit verschränkten Armen vorgetragenem Bedürfnis nach mehr Verständlichkeit vorauseilend entgegenzukommen?
Das Schimpfen auf wie auch immer geartete Ausdrucksweisen kann ein bequemer Weg sein, sich selbst von vielleicht als zu schwierig wahrgenommenen Debatten (am Ende auch noch mit als schwierig geltenden Personen, iihbäh!) auszuschließen — und diesen Ausschluss dann selbstverständlich den mal eben (ohne nähere Kenntnis der jeweiligen Person) als ‘privilegiert’ bezeichneten Autorinnen unterzujubeln. Und die ‘freut’ sich dann über solche blödsinnigen Urteile dann auch immer sehr, fragt z.B. mal die @sanczny: http://sanczny.wordpress.com/2013/03/12/dear-mr-capitalist/

Ich selbst drücke mich übrigens äußerst gern verständlich aus und weiß leicht zugängliche Texte und Reden sehr zu schätzen. Aber ich sehe es ganz sicher nicht als mein Recht an, alles so serviert zu bekommen wie *ich* das am liebsten hab, oder dass andere zu *mir* kommen, mich nach *meinen* Interessen fragen und *mir* diese bequem hinterhertragen. Wenn ich mich wirklich ernsthaft verbinden und austauschen will, dann erwarte ich nicht, ‘abgeholt’ zu werden, dann gehe ich verflixt noch eins auf die Leut zu, die mich interessieren! Und auch wenn’s so läuft, dass ich erst mal alles, was ich so an Gedanken mitbringe dort um die Ohren gehaun bekomme, weil’s nun mal möglicherweise falsch oder schief argumentiert ist, dann bleib ich trotzdem dran, wenn mich die Argumente im größeren Maße überzeugen als mich der Ton und die Art vielleicht abstoßen. Ich muss die Leute, von denen ich was lernen und mit denen ich vielleicht was bewegen will, ja nicht liebhaben! Das ist zwar sehr schön, wenn’s so ist, aber keine Notwendigkeit.

Also: Wer Verständlichkeit einfordert, wer immer alles in mundgerechten, leicht verdaulichen Happen serviert bekommen möchte statt sich mal selber an den Herd zu stellen und zu gucken, was aus den mitunter schwerverdaulichen Zutaten halt gemacht werden kann (gern auch mit Hilfe anderer, wenn er sie fragt!) der wird wohl immer bei Fastfood der Marke “FrissDas!(tm)” bleiben müssen. Unabhängig von der persönlichen Übung und Erfahrung darin: Der bloße *Wille* erst einmal, den eigenen Grips zu benutzen und zu schärfen, Texte zu entschlüsseln (und mitunter sind’s ja auch die leicht zu lesenden die den schlimmsten Scheiß enthalten), das Geschwurbel von Handfestem zu unterscheiden hat eben *nix* zwangsläufig damit zu tun, ob wer eine Uni von innen gesehen hat oder nicht. Ich kenn zu viele sich saudumm äußernde Akademiker und blitzgescheit argumentierende Nichtakademikerinnen, um was anderes zu glauben.

(Übrigens: Auf einige mag es vielleicht so wirken, als habe ich hier eine komplette Kehrtwende zu dem vollzogen, was ich in meinem allerersten Blogpost so schrieb. Ist aber bei weitem nicht so. Erstens ging es in diesem Text um den Wunsch nach mehr präziser Kritik statt Lagerzuschreibungen und -anfeindungen, und in den Kommentaren damals hatte Helga maßgeblich dazu beigetragen, dass meine sich auch zu diesem Thema recht enge und naive Sicht ein Stück erweitert wurde.)

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Lieber Abstreiten als gar kein Echo

[Um dem womöglich zu erwartenden Leistungsschutzrecht bereits heute entgegenzukommen verzichte ich hier auf Links und Namennennungen zu den Beiträgen der Online-Ausgabe einer Tageszeitung, auf welche ich mich hier beziehe. ^^]

Ich bin erst seit relativ kurzer Zeit ‘dabei’, vergebt mir also meine eventuelle Naivität in dieser Hinsicht. Das wird auch ein eher emotionaler kleiner Text jetzt. Kritik immer gerne (siehe aber Nachtrag unten).

Wir erleben meinem Eindruck nach im Moment auf gesellschaftlicher bzw. massenmedialer Ebene die erste Reaktion eines Menschen, dem gesagt wird, sein Verhalten und seine Äußerungen seien sexistisch. Nämlich: Abstreiten. Das sei alles gar nicht so gemeint, sei nicht so schlimm, es gäbe ja viel schlimmeres woanders, man sei doch kein Sexist (-> http://endolex.wordpress.com/2012/06/14/nichtsexisten-und-sexismuskritik-uber-absichten-absichtsvermutungen-und-entgleisungen/ ) und überhaupt, dann wehrt euch doch, begleitet von munterem Beifall aus den immer gleichen Ecken. Oft schon so erlebt, nur jetzt eben in größerem Maßstab.
Kein Grund für Ernüchterung oder Resignation, im Gegenteil. Wer abstreitet, macht zumindest annähernd so etwas wie zuhören statt zu ignorieren. Und das war und ist der erste Schritt eines Dialoges mit annähernd so etwas wie Erfolgsaussicht.

Das gilt eigentlich immer, aber jetzt, zu Zeiten des vielfach wahrgenommenen ‘Backlashes’ umso mehr: Jeder Kommentar, jeder Einwand zählt, wie ich glaube. Auf der Arbeit, in Kommentarspalten, auf der Straße, auf Twitter (auch innerhalb meiner Bubble gibt es Skeptiker). Und gerade im Fall von Journalist*innen, welche sich als stark und AufKeinenFallOpferSeinWollen geben möchten (oder bei weißen alten Männern, die den Sexismusbegriff von Banalisierung bedroht sehen), ist es vermutlich entscheidend, genügend Stimmen in Kommentaren sichtbar zu machen, welche zeigen, dass eine erhöhte Wehrhaftigkeit gegenüber sexistischen Äußerungen und Übergriffen nur eine Seite des ganzen sein kann. Dass es nicht ohne Kritik an dem übergriffigen Verhalten und folglich dessen Änderung geht.

Zum ersten Mal relativiere ich an der Stelle meine sonstigen ‘Prinzipien’ und würde sagen, dass eine umfassend und ‘sachlich’ dargelegte Argumentation (meist eh nach dem priviligerten Maßstab der “Überzeug mich doch mal logisch!”-Sager) zwar wünschenswert, die unbedingte Positionierung und Solidarisierung mit dem Kern von #aufschrei augenblicklich aber noch viel wesentlicher ist. Gerade damit die Wahrnehmung, die Kritik käme nur von vergleichsweise wenigen und nicht ernstzunehmenden Menschen, nicht haltbar ist.

Und ein Tipp noch gegen die Frustration: Es kommt zwar durchaus mal zwar vor, dass jemand in einer Diskussion (ob im Netz oder ‘live’) eine 180°-Wende vollzieht, was seine Positionierung zu Sexismus angeht – aber zu erwarten ist das sicher nicht. Nur: “Die Diskussion ist nicht zuende, auch wenn das Gespräch vorbei ist. Das Gesagte wirkt nach.” (K.P. Hufer, ‘Argumente am Stammtisch’).
Ich selbst fange z.B. in Kommentarspalten nach Möglichkeit gar keine Diskussionen mehr an. Ein Text, ein saftiger Kommentar. Fertig. Alles andere ist (wohl nicht nur) mir zu unübersichtlich. Echte Diskussionen finden für mich woanders statt. Es geht um Präsenz.

Nachtrag — Vor dem Kommentieren bitte bedenken: Ich werde hier nicht über Sinn oder Unsinn von #aufschrei debattieren oder darüber, was Sexismus ist. Bleibt am Inhalt dieses Textes hier. Danke. ;)

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Das Ende der ‘Spätis’, Foodsharing und Privatverkauf

[Achtung, Disclaimer: Arg stream of consciousness-lastiger Blogpost. Nix strukturiertes oder gar durchdachtes.]

Ich und meine groooße Klappe!

Heute ging nun die Nachricht, dass in Berlin die sogenannten “Spätis” sonntags nicht mehr verkaufen dürfen (bzw. dass der Versuch, die Sonntagsverkäufe zu legalisieren, eingestellt wird): http://www.berliner-zeitung.de/berlin/berliner-ladenoeffnungsgesetz-sonntags-bleibt-der-spaeti-geschlossen,10809148,17226218.html

Auf Twitter gab es (in meiner bescheidenen kleinen Timeline) entsprechend frustriertes Klagen, und ich als Nichtberliner Bonner, der den Komfort von Sonntagsläden ja gar nicht kennt (und entsprechend auch nicht vermissen wird) nahm mir heraus, ein paar vage Tweets zu Lebensmittelprivatverkaufsnetzwerken und ÜberflüssigeLebensMittelWegWerfVermeidungsNetzwerken abzulassen.

Der @plomplomplom las das und forderte mich auf, ich möge mir doch da ein paar konkretere Gedanken machen, worin ich zähneknirschend einwilligte. Glücklicherweise twitterte etwas später auch noch Katja Dathe von den Berliner Piraten:

Also schein ich wohl nicht der einzige mit diesen Ideen zu sein, welche ich hier mal kurz umreißen möchte.

Im Grunde sind es zwei voneinander vllt. eher unabhängig zu sehende Ideen, spontanem Hunger zu begegnen ohne auf Öffnungszeiten angewiesen zu sein, zumindest würde ich es so betrachten. Der mir eigentlich vielversprechendere Ansatz wäre das oben kurz per Tweet beschriebene “omnomnetz”, welches überflüssiges Essen schnell und direkt verteilen kann, statt es einzufrieren oder gar wegzuwerfen. Aber wie ich durch kurzes Googeln gerade sehe, gibt es ein Projekt namens foodsharing.de, welches das bereits hervorragend in Angriff nimmt, wie ich glaube! Meine Spende folgt umgehend.

Die andere, davon m.E. losgelöst zu betrachtende Idee, welche mehr in Richtung des Vorschlages von Katja geht, wäre eben eine stark lokalisierte und nach Vereinsprinzip funktionierendes Verkaufsnetzwerk von Lebensmittelwaren. Wie das genau funktionieren kann – da bin ich selbst gerade am Grübeln.
In Bonn gibt es ja z.B. den Partynotdienst alcoman.de, der auch bis zwei Uhr nachts allerlei zu Futtern ranbringt, wenn alle Läden (in Bonn) bereits zu haben, aber auch das hängt dann wieder von einem einzelnen Menschen ab, der bereit ist, sich für andere in den Verkehr zu schlagen. Privater Wohnungsverkauf? Auch dafür müsste man jemanden wachklingeln bzw. müsste der jeweilige Privatverkäufer der jeweiligen App melden, ob er grad ansprechbar ist oder nicht.
Bliebe höchstens noch eine Art Vereinshaus, in das Mitglieder jederzeit Zutritt haben, mit einer Kasse des Vertrauens. Nur: wer kauft im großen Stil ein, schafft es dann an einen bestimmten Ort, nur um dann später mal bei Bedarf was rüberholen zu können? Da wird das ganze dann schon wieder etwas absurd, in meiner Vorstellung – jedenfalls dann, wenn der Verein allein diesen Zweck haben soll.

Naja, das mir eigentlich auch wesentlich wichtiger erscheinende Anliegen “omnomnetz” ist jedenfalls mit foodsharing.de bereits am Start, und ich selbst brauch ja wie gesagt Spätis nicht unbedingt. Falls ihr das anders seht – macht euch halt selber Gedanken, ihr verwöhnten Hauptstadtkinder. ;)

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Biologismus, Sexuelle Orientierung und Gesellschaft

Heute morgen gab ich im Zuge einer Kommentardiskussion auf quantenwelts Beitrag zum gern Feminismen gegenüber verwendeten Strohmann “Gleichmacherei” folgendes via Twitter von mir:

“Einerseits soziale Effekte möglichst ausblenden und andererseits für soziale Fragen relevant sein wollen. Biologismus.”

Christian Schmidt (“Alles Evolution”), der dort ebenfalls kommentierte, bat mich darauf hin, mich doch mal zu äußern und zu argumentieren, wie ich die Entstehung von Geschlechtern oder sexueller Orientierung betrachte. Ich habe mich dann für das zweite, vermeintlich ‘leichte’ Thema entschieden.

Zuallererst noch ein riesenfetter Disclaimer:
Ich bin kein Sexologe, kein Biologe, kein Psychologe, kein Soziologe, kein Queerologe (?) sondern in jeder Hinsicht auf all diesen Gebieten kaum mehr als ein interessierter Laie. Der Post hier dient also nicht zur Behauptung irgendwelcher Tatsachen, sondern soll lediglich meinen momentanen Eindruck  einer Debatte wiedergeben, welche mich bereits in ihrer Grundlage befremdet. Also wird es eher philosophisch / essayistisch. Ich lehne mich hiermit also so weit vom Fenster weg und verkrieche mich in der Besenkammer, freue mich aber sehr über erhellende Kommentare.

Da ich den Text zunächst auf Twitlonger verfasst und an Christian persönlich gerichtet habe und ich zum weiteren Editieren ehrlich gesagt ein bißchen zu faul bin, belasse ich hiermit den Charakter eines “offenen Briefes”. Und los geht’s.

***

Es mag sich vielleicht zunächst so angehört haben, als hielte ich sexuelle Orientierung nicht für ähnlich konstruiert wie Gender, weil ich das trenne – dem ist aber nicht so. Für mich sind es lediglich verschiedene (wenngleich benachbarte) Konstrukte, die kombiniert werden können (“homosexueller Mann”, “heterosexuelle Frau”) aber nicht müssen.

Die Konstruktion besteht für mich in einer eindeutigen Zuordnung in ‘homosexuelle’ oder ‘heterosexuelle’ oder ‘bisexuelle’ Typen. Für mich aber gelten da allenfalls operative Definitionen von beobachtbarem Verhalten: Ein Mann, der größtenteils mit Männern schläft, verhält sich also größtenteils homosexuell.

Problematisch sind bei diesen Konstrukten auch die vielen Abstufungen: Was, wenn Männer oder Frauen kein Problem darin sehen, mit anderen Männern oder Frauen Zärtlichkeiten oder Küsse auszutauschen, von einem Beischlaf aber eher Abstand nehmen? Wie ist das dann einzuordnen?

Über eine ‘innere Orientierung’ und ihren biologischen oder sozialen Ursprung sind mir da bestenfalls Spekulationen möglich, und das kann aus meiner Sicht je nach Individuum sehr verschieden sein. Ich halte hier (als ziemlicher Laie) sowohl biologische als auch soziale Faktoren für potentiell sehr einflussreich – aber wie ich dir schon einmal schrieb: Für mich gibt es da keine klar markierte Front (“bis hierhin ist alles Biologie, danach fängt Soziales an”), sondern eine Gleichung mit jeweils verschieden gewichtbaren Faktoren und vor allem Überlappungen. Für mich ist also durchaus denkbar, dass jemand ganz ohne die angenommene biologische Disposition homosexuelles Verhalten zeigt und genießt als auch dass jemand *mit* dieser Disposition ausschließlich hetereosexuell unterwegs ist. Einen allgemeinverbindlichen Algorithmus wie “Biologische Homosexualität geteilt durch Soziale Akzeptanz mal Persönliches Bewusstsein = Operativer Homosexualitätsquotient” kann ich dir an dieser Stelle aber sicher nicht liefern.

Insgesamt ist mein Eindruck, dass gerade die Sexualität der Menschen kulturell und kognitiv derart stark überformt, codifiziert und diversifiziert ist, dass sowohl bei homo- als auch hetereosexuellen Verhalten kaum noch eine Aussage darüber möglich scheint, welches Verhalten nun “rein biologischen” Ursprungs ist (mal abgesehen von z.B. körperlichen Erregungszuständen, welche aber wiederum sehr stark an das gekoppelt sind, was als sexuell besonders erregend empfunden wird, angeborener- oder erworbenermaßen). Meine Haltung ist da auch eher eine pragmatische: Wenn’s Spaß macht, isses im Prinzip egal ob es jeweils nun eher ‘in den Genen liegt’ oder die Lust am Tun erworben wurde. Entsprechend gibt es für mich keine ‘Abweichung von der Natur’.

Was sich jedoch m.E. gut festhalten lässt, ist, dass verschiedene Gesellschaften verschiedene ‘öffentliche’ Einstellungen zu Homosexualität und -erotik haben, was sich entsprechend auf die Wahrnehmung und Häufung homosexueller ‘Performance’ auswirkt. Und ich bin recht überzeugt davon, dass durch ein Wegfallen klarer Verhaltensschubladen und Identitätsvorstellungen von ‘schwul’, ‘lesbisch’ und ‘bi’ das Sexualverhalten insgesamt etwas an Vielfalt gewinnen würde. Andererseits erwarte ich natürlich keineswegs, dass in so einem Fall alle Menschen 50:50 bisexuell unterwegs wären – sondern lediglich eine insgesamt entspanntere Einstellung zu dem Thema und entsprechend weniger Hemmungen, die bisher klar abgegrenzten Bereiche je nach Gelegenheit zu erschließen. Und vor allem: weniger Feindseligkeit oder gewaltsam geäußerte Angst gegenüber dem ‘perversen’ Verhalten anderer. Wie ich schon mal irgendwo in deinem Blog schrieb: Rein biologische Betrachtungen zu einem Sachverhalt können keinen moralischen Imperativ bilden, wie es grundsätzlich zu bewerten und damit umzugehen ist. Nur weil etwas angeboren ist, wird es nicht automatisch ‘akzeptabler’ – dann wird es im Zweifelsfall eben als Geburtsfehler betrachtet, was zu noch hässlicheren Reaktionen als “Heilungsversuchen” führen kann.

Mir fiel übrigens heute noch ein nettes Gedankenbeispiel zur Problematik des Biologismus in Gesellschaftsfragen ein:
Zweifellos lässt sich sagen (soweit mir bekannt), dass Pheromone, Hormone und einander ergänzende Immunsysteme einen gewissen Einfluss darauf haben können, wie sexuell attraktiv Menschen aufeinander wirken. Aber ist das allein ein zuverlässiger Indikator dafür, ob gemeinsame Beziehungen zwischen Menschen langfristig funktionieren? Ist davon auszugehen, dass die Mehrzahl aller glücklichen, langen Beziehungen von Menschen geführt wurden, die biochemisch besonders kompatibel waren (und es auch blieben – dass so etwas mit der Zeit ‘umkippen’ kann, ist ja anscheinend auch belegt)? Oder ist da nicht doch eher die durch das jeweilige soziale Umfeld geprägte Wahrnehmung voneinander, das kommunikative Verhalten miteinander und eine Menge anderer Faktoren entscheidend? Es sind einfach verschiedene Fragen, welche jedoch oft durcheinandergeworfen werden, wie ich finde. Und recht ähnlich sieht es für mich mit biologischen Geschlechtsmerkmalen und den Konstruktionen von “geschlechtergerechtem Verhalten” aus.

***

So, das war’s. Nu haut mich getrost in die Pfanne! Anmerkung noch: Der hauptsächliche Fokus des Textes ist für mich auf jeden Fall die grundsätzliche Frage, inwieweit Biologie gesellschaftliche Fragen auf relevante Weise beantworten kann. Falls ich jedoch im speziellen Blick auf sexuelle Orientierung nach euer Meinung grobes Unwissen und gefährliche Fehlurteile an den Tag lege, bitte ich sehr um Korrektur. Das wiederum soll kein Blankoscheck gegenüber homophoben Äußerungen sein – die werden von mir nicht freigeschaltet, auch nicht zu q.e.d.-Zwecken.

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Feminismus und der einseitige Einseitigkeitsvorwurf

[tl;dr Wer ein Thema fokussiert, relativiert nicht automatisch andere Themen; Kommunikation kann von Nuancen abhäng sein]

Ähnlich wie schon beim ersten Beitrag in diesem Blog handelt es sich hierbei um einen bzw. mehrere Blogkommentare von mir, aufbereitet als mehr oder weniger eigenständigen Text. Zum Hintergrund:
Im Rahmen einer auf den Fall Thomann (siehe letzter Blogpost) bezogenen Diskussion, welche Muriel auf dem Blog “überschaubare Relevanz” anstieß, kam ich via Kommentarfunktion mit ars libertatis ins Gespräch. Es entwickelte sich unter anderem ein Austausch darüber, ob die Fokussierung auf eine gesellschaftlich gefestigte Form menschlicher Objektifizierung (nämlich die der Frau) berechtigtermaßen den Eindruck einer Relativierung aller anderen Objektifizierungen erwecken kann – und inwieweit so eine Wahrnehmung, wenn sie als Absichtsvermutung geäußert wird, den Verlauf einer Diskussion negativ beeinflusst. Darum soll es hier dann im folgenden auch gehen.

Ich gehe grundsätzlich davon aus: Objektifizierung, ‘Othering’, Diskriminierung (im Folgenden mal kurz OOD genannt) als augenblickliche Wahrnehmung an sich ist meines Erachtens ein sehr menschlicher, vermutlich evolutionär geprägter Vorgang.
OOD als kulturelle Verfestigung dieser Wahrnehmungsprozesse ist jedoch eine Folge davon, und kann zu starken,  strukturell gefestigten Benachteiligungen in einer Gesellschaft führen. Auf welche dieser zahlreichen Sachverhalte gesellschaftlich gefestigter OOD dann jedoch vom jeweiligen Weltverbessererclub (und ich benutze diese Bezeichnung ohne jeglichen Zynismus) besonders eingegangen wird, hängt nun mal von persönlicher Geschichte oder anderweitig entstandener Sensibilisierung ab, denn kein Mensch kann “fokussiert in alle Richtungen” gucken.

Ich verstehe bis heute aber nicht ganz, warum genau ein individuelles oder gruppenweises Konzentrieren auf bestimmte Misstände als ein versucht ‘objektives’ Abwerten anderer gesehen werden muss, und ich habe manchmal das Gefühl, Feminismus ist so ziemlich die einzige Bewegung, denen eine derartige “Einseitigkeit” regelmäßig von Gegnern oder Skeptikern vorgeworfen wird. Angeblich ginge es ja nur um die Belange von Frauen, und alles andere würde von den Feminist*innen zutiefst bagatellisiert. Nirgendwo anders erlebe ich diese ausschließlich fremdwahrgenommene Überfokussierung und Ausblendung aller anderen Probleme.
Vermutlich käme niemand auf die Idee, einen Umweltaktivisten, der sich besonders für Tiere einsetzt, eine Verachtung für Pflanzen vorzuwerfen. Und nur weil sich jemand beispielsweise auf Ableismus konzentriert, heißt das nicht, dass das Problem Rassimus geleugnet oder als geringfügig erachtet wird.

Ganz ehrlich: Ich kenne keine heutigen Feminist*innen, welche die Diskriminierung von Männern wegleugnen. Und ich teile zwar absolut die Ansicht, dass Frauen strukturell viel stärker benachteiligter sind als Männer, sähe jedoch kein Problem darin, wenn z.B. sich jemand ernsthaft mit sexistischen Männerklischees in Videospielen auseinandersetzt, solange dabei eben nicht versucht wird, darüber das Problem Frauenklischees zu relativieren und es so zu einer antifeministischen Posse gerät. Feminismus ist für alle da.

Mir sind nämlich auch keine Fälle bekannt, in denen Feminist*innen sich in Männerantidiskriminierungdiskussionen reinhängen und versuchen, deren Probleme abzuwerten (oder sich darüber lustig zu machen). Ich kenne ausschließlich (aus meiner Sicht berechtigte) Kritik von Feministinnen an ‘Männerrechtlern’ die genau das mit Vorliebe auf feministischen Blogs tun.

Ist die Vorstellung denn so abwegig, dass alle, die es betontermaßen mit der gesellschaftlichen Gleichberechtigung und Nichtdiskriminierung aller Menschen wirklich ernst meinen, am besten die Felder beackern, die ihnen am wichtigsten sind, sich dort unterstützen, wo sie es für möglich halten und ansonsten keine künstlichen Widersprüche (oder gar Feindbilder) konstruieren, mit denen sie sich Wettbewerbe um die Deutungsmacht liefern, was nun endgültig für jeden (!) am wichtigsten zu sein hat?

Bliebe wohl noch die Frage, wie sich das am unmissverständlichsten kommunizieren lässt. Hier mal ein Gedankenspiel in zwei bewusst extrem entworfenen Varianten eines Dialoges zwischen Feminist*in und Anti-Objektifizierungs-Generalisten (der Kürze halber AOG), noch mal am Fall Thomann:

Variante 1:
- Feminist*in: “Da guck! Objektifizierung der Frau!”
- AOG: “Ja, aber das ist ja jetzt nicht soo viel wichtiger als z.B. die Objektifizierung von dem geprügelten Mann auf dem Kickboxerbild!”
- Feminist*in + AOG: [[thematisch und im Tonfall entgleisendes gegenseitiges Relativierungsbashing]]

Variante 2:
- Feminist*in: “Da guck! Objektifizierung der Frau!”
- AOG: “Oh ja! Und der Mann da wird auch wie eine Kickdrum behandelt, Sauerei!”
- Feminist*in + AOG: [[konstruktives Erarbeiten der in der Werbung enthaltenen Objektifizierungen]]

Variante 2 kommt also ohne ein gegenseitiges Unterstellen von Relativierung aus und ist *produktiv*. Variante 1…weniger. Natürlich mag es da sehr viele Nuancen geben, und es mag vielleicht läppisch anmuten, aber: Manchmal ist es wohl wirklich der Unterschied zwischen so kleinen Wörtern wie “aber” oder “und”, welcher unterschiedliche Annahmen über die Absicht einer Erwiderung auf das eben Gesagte erlauben.

Und das ist vielleicht nicht zuletzt damit zu begründen, dass meinem Eindruck nach gerade Feminist*innen in der täglichen Arbeit leider noch immer sehr viel “aber, aber, aber!” zu hören bekommen.

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‘Nichtsexisten’ und Sexismuskritik: Über Absichten, Absichtsvermutungen und Entgleisungen

[tl;dr Man muss kein Sexist sein, um Sexismus zu (re)produzieren, mangelnde Absicht schützt nicht vor Fails.]

Der Fall Thomann (@sofakissen berichtete) und die anschließenden Kommentare wie auch die Diskussion auf Facebook waren für mich ein gewinnbringende Erfahrung dahingehend, wo die Schwierigkeiten in der Bewusstmachung von Sexismus liegen können. Eine von viele Abwehrhaltungen, welche dort bei weitem nicht zum ersten Mal zu erleben war, lautete: “Es kann nicht sexistisch sein, denn es ist ja nicht sexistisch gemeint!”

Ist natürlich irgendwo nachvollziehbar: Da möchte sich jemand nicht den Schuh anziehen, Sexist zu sein und ist empört über die Unterstellung. Er findet womöglich viele medialen Auswüchse unserer Gesellschaft zutiefst sexistisch und ist ja dagegen, aber er selbst soll ein Helfer sein? No way!

Hier liegt offensichtlich die Auffassung vor, dass Sexismus immer eine bewusste, aktive Wahrnehmung und Handlung sein muss. Dass da jemand mit voller Absicht Menschen in Männlein und Weiblein unterteilt und ihnen grundverschiedene Rollen in der Gesellschaft zuteilt, diese Ansichten pflegt und entsprechend auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit äußert. Meinem Eindruck nach ist das jedoch oft nicht der Fall.

Der seit einiger Zeit getrost radikalfeministisch zu nennende Webcomic Sinfest zieht hier einen aus meiner Sicht sehr anschaulichen Vergleich zum Film The Matrix. Nach Ansicht der prominentesten Vertreterin der dortigen Sisterhood ist *jeder* im Patriarchat gefangener ein ‘Colluder’, ein Mitverschwörer, ohne es zu bemerken – ähnlich der Matrix-Gefangenen im Film, welche jederzeit von einem Agenten übernommen werden können. Der Agent hieße hier dann Sexismus, und jeder, der nicht wie die Protagonistin Monique über eine kritische Auseinandersetzung damit ‘erwachte’, ist gefährdet, Diskriminierungen vorzunehmen und / oder unkritisch hinzunehmen.
Das heißt aber keineswegs, dass die ‘Erwachten’ plötzlich immun gegen sexistische Wahrnehmungen oder Gedankengänge wären – sondern je nach Beschäftigung mit dem Thema lediglich über mehr oder weniger ‘Kritikwerkzeug’ verfügen, um eventuell noch mal drüber nachzudenken, bevor sie etwas äußern, was durch sexistische Wahrnehmung entstanden ist. Wie sehr übrigens unsere ersten schnellen Intuitionen von dem, was wir finden *möchten* – im Gegensatz zu tatsächlich kritischem, aber langsamen und anstrengenden Denken – das prägen können, was wir anschließend für unsere reflektierte Meinung halten, darüber hat Daniel Kahneman ein schönes Buch geschrieben.

Im speziellen Fall von Menschen, denen zwar bewusst ist, dass es Sexismus gibt, in bestimmten Abbildungen oder Äußerungen jedoch den zugrundliegenden Sexismus nicht erkennen (oder eben Sexismus immer ‘gewolltem Sexismus’ gleich setzen), wage ich sicher keine Ansage darüber, wie sich das prozentual verteilt – wie viele Trollposter und nicht reflektierbereite ‘hoffnungslose Fälle’ also genau wie vielen Menschen gegenüberstehen, welche sagen: ‘Ich bin grundsätzlich gegen Sexismus, aber das hier ist doch gar keiner!?’.

Denn: Beispielsweise die unzählbaren, unsäglich dummen Angriffe und Hassaktionen gegen Anita Sarkeesian von Feminist Frequency und ihrem begeisterungswürdigen Kickstarter-Projekt “Tropes vs. Women in Video Games” lassen wiederum wenig Zweifel daran, dass es noch viel, viel mehr Menschen gibt, die an keiner ernsthaften Diskussion interessiert sind und welche sich nicht scheuen, offen sexistische Äußerungen zu machen und genau dadurch beweisen, dass gerade im Gaming-Bereich eine konzentrierte feministische Bewegung absolut nötig ist (glücklicherweise hat so die Haterei und die daraus folgende Berichterstattung auf diversen Gameportalen anscheinend dazu geführt, dass “Tropes vs. Women in Video Games” in kürzester Zeit viel mehr gespendet wurde als bisher).
Doch auch dort: Unter den zahlreichen Trollposts fand sich auch ein nicht zu unterschätzender Anteil von Wortmeldungen, die oben erwähnte Abwehrhaltung einnehmen: “Sexismus ist schlimm, ich bin voll dagegen! Aber …” und auf das Aber folgte meist eine der bekannteren Abwehrhaltungen.

Wie ist dann damit umzugehen? Mein erster Impuls wäre bisher immer gewesen, zu antworten: “Dass es keine Absicht ist, ändert nichts daran, dass es sexistisch ist!” – was mittlerweile meinem Gefühl nach jedoch noch immer vage ein gewisses ‘Versagen’ beim Autor sexistisch anmutender Inhalte suggeriert. Nach der Diskussion auf facebook neige ich eher dazu, erst einmal klarzumachen, dass sexistischen Inhalt festzustellen etwas anderes ist, als dem Autor sexistische Positionen zu unterstellen, und konzentriere mich dann wieder auf den dargestellten Inhalt selbst, anstatt in eine Diskussion über gegenseitig vermutete Absichten zu entgleisen (sowohl thematisch als auch im Tonfall).
Es ist die sachliche Ebene also wieder, welche vielleicht beizeiten sehr anstrengend aufrecht zu erhalten sein kann, aber für mich die einzig lohnende ist, wenn Einsicht oder zumindest ein Verständnis von feministischen Sichtweisen erreicht werden soll.

Ich freue mich auch hier wieder sehr über Kommentare und Diskussionen. Eins noch: Ich habe kürzlich einen Tweet abgesondert, bei dem ich anscheinend in meinem Eifer über die “beste Art”, gegen Sexismus zu diskutieren all meine schönen, durch Nadine Lantzschs Blogpost gewonnen Überzeugungen von “Solidarität bei Differenz” innerhalb der Bewegung  kurzzeitig vergessen habe und auf den ich absolut nicht stolz bin. Natürlich war es nicht als persönlicher Angriff *gemeint* – aber das Fehlen böser Absichten ist eben kein Garant für Harmlosigkeit, weder bei Sexismus noch im allgemeinen Umgang miteinander. Auch an dieser Stelle noch einmal mein Bedauern für diese Gedankenlosigkeit.

UPDATE #1:
1) Ganz grundlegend: Es ist *nicht* Ziel dieses Blogs, das Diskussionsverhalten konkreter Personen oder Gruppen zu kritisieren oder ihnen Verhaltensvorschriften machen zu wollen. Ich erhoffe mir hier konstruktive Ansätze (und Einwände zu diesen) über Diskussionsverhalten allgemein und Sexismus / Feminismus im speziellen. Beispiele mögen veranschaulichen, sollten aber nicht dazu dienen, jemand bestimmten Fehler vorzuwerfen. Natürlich lässt sich so nicht ausschließen, dass sich jemand angegriffen gefühlt – siehe Ursprungstext – aber herausfordern möchte ich es nicht (noch mal), dafür ist mir das Thema hier zu wichtig. Sollte das wiederholt vorkommen, werde ich solche Kommentare entsprechend bearbeiten.

2)  Aufgrund meiner Erwerbstätigkeit werde ich Kommentare nur relativ langsam freischalten und beantworten können (in der Regel allabendlich oder auch mal frühmorgens, an Wochenenden unterschiedlich).

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Kritik-Kritik: Pro “Kuscheldiskussionen”

[tl;dr Inhaltliche statt persönlicher Kritik ist kein Kuscheln / Anbiedern, sondern der ernstgemeinte Versuch, Einsicht herbeizuführen.]

Über einen Retweet erfuhr ich von Susannas Blogpost zu dominantem Redeverhalten http://susanna14.wordpress.com/2012/05/21/ich-gebe-zu-ich-bin-dominant/ - und da ich in letzter Zeit zu sehr langen (und themenabweichenden) Kommentaren neige, verlege ich mich mal lieber auf ein eigenes Blog. Mal schauen, wie das wird.

Speziell in meinem letzten Kommentar dort habe ich mich zu agressiv formulierter bzw. auf Personen und Gruppen (oder ganze Bewegungen und ihre Labels) statt auf Inhalte gerichtete Kritik geäußert, welche kaum das Ziel erreichen dürfte, das Gegenüber zu Einsicht zu verhelfen. Hier in überarbeiteter Form also dieser Kommentar als mehr oder weniger eigenständiger Blogpost:

Meinem Empfinden nach gibt es einen großen Anteil von Leuten, die ihre als problematisch wahrgenommenen Positionen vor allem deshalb vertreten, weil sie sich wenig echte Gedanken dazu gemacht haben und den (oft im Ursprung akademischen) Stand der Diskussion einfach nicht kennen. Ein scharfes Angegriffenwerden empfinden sie dann gerade als Bestätigung, in einer Haltung von “da sagt mal jemand was nicht ‘politisch korrektes’ und wird dafür gleich von allen Neo-Alt-68ern und Genderisten so angegangen, da sieht man mal, wie es mit der Meinungsfreiheit steht, blablabla” und verwechseln dann das Recht, es sagen zu dürfen (“man wird doch wohl noch”) mit dem fragwürdigen Inhalt selbst.

Das liegt dann oft aber auch an der Art der Kritik. Ich sehe für meine Begriffe leider zu oft, wie, statt mühelos und knapp darzulegen, warum die jeweilige rassistische / sexistische / sonstige Position inhaltlich in keiner Weise tragbar ist, einfach nur die jeweils zu kritisierende Person pauschal geknüppelt und ins persönliche Feindeslager der Wahl gesteckt wird (“typisch $Gruppe / $Bewegung – zum Kotzen!”). Und zwar auf *allen* Seiten.

Ich kann nachvollziehen, dass für viele ein ernsthaftes inhaltliches Widerlegen von Positionen oder Korrigieren von Äußerungen, die heutzutage nach persönlicher Ansicht niemand mehr haben oder tätigen *sollte*, eine Art “Würdigung” dieser schändlichen Position darstellt und den bereits erarbeiteten diskursiven IST-Zustand zu schwächen droht – sehe ich aber nicht so. Ich halte es im Gegenteil sogar für ganz gesund, diese Übungen zu vollziehen: einmal für sich selbst, also zur erneuten Bestätigung des hergeleiteten Inhaltes statt seiner als selbstverständlich angenommenen Verkürzung, und zum anderen für das Gegenüber – um eine echte Chance herzustellen, dass dort Verständnis einsetzt, warum die Position inhaltlich problematisch ist (statt einfach nur kontrovers, was ja wie gesagt manche pauschal als Lob + Bestätigung empfinden).

Nichts gegen emotional aufgeladene Diskussionen und kämpferisches Verbalisieren – besonders gerne bei ‘internen Diskussionen’ über feinere Aspekte, wenn man sich gut kennt und sowieso weiß, dass man sich auf der gleichen ‘Seite’ befindet. Aber wenn das Anliegen vor allem darin besteht, z.B. jemand eher ‘fachfremden’ zu vermitteln, wie patriarchales Denken funktioniert und wie es unsere gesamte Kultur durchsetzt, hilft es weniger, ihn erst mal aufgrund einer uninformierten Äußerung als erfüllungshelfendes Rädchen im Getriebe zu verdammen und die inhaltliche Kritik erst auf Nachfrage zu liefern – die dann merkwürdigerweise eher selten kommt.

Wem das zu ‘kuschelig’ ist (sowas lese ich leider auch oft) – dem liegt wohl einfach nicht ernsthaft daran, Ansichten zu vermitteln und fühlt sich wohler damit, andere dafür anzugreifen, dass sie sie nicht teilen. Mir ist völlig klar, dass jahrelanges Erklären zu den immer gleichen Fragen und Missverständnissen bei vielen jede Menge Frust anhäuft. Aber ein Zurückziehen auf “das willst du / wollt ihr ja eh nicht verstehen, drum schieße ich nur noch aus meiner Stellung” schwächt meines die Chancen einer Kritik, etwas zu bewirken, oder?

Ich freue mich sehr über Kommentare, denn ich schreibe nicht, was ich weiß, sondern was ich wissen will.

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